Alle für einander verantwortlich –
Artikel zum Hungerstreik von Michael Heise
„Demokratie ist im Grunde die Anerkennung, dass wir sozial genommen, alle füreinander verantwortlich sind,“ war nicht nur die Meinung von Heinrich Mann, sondern es ist auch die von vielen sozialpolitischen Denkern der Gegenwart.
Dieser doch sehr weit verbreiteten Einstellung möchte ich mit meinen Zeilen zu Michael Heise, dem Gründer der Organisation peraspera gerecht werden. Einen kleinen Einblick in die Tätigkeit von peraspera ist über die Website www.peraspera-international.de möglich. Seit Mitte September 2007 Zeit sitzt Michael Heise, der Gründer der Organisation peraspera-international wegen offensichtlich fahrlässigen Umgangs mit Investorengeld in der JVA Karlsruhe. Von dort aus hatte er sich mehrmals an die Öffentlichkeit gewendet, da es seiner Meinung nach, für seine Inhaftierung keine ausreichende, rechtliche Grundlage geben würde. Doch das sonst übliche Medieninteresse an einer der Öffentlichkeit bekannten Person blieb aus. Um anhand seiner Situation auf einen fragwürdigen Umgang mit der Rechtsstaatlichkeit aufmerksam zu machen, hat er sich etwa seit Beginn des Jahres in den Hungerstreik begeben.
Der 66-Jährige wird nicht nur als Menschrechtsaktivist bezeichnet, sondern im Klappentext eines seiner veröffentlichten Bücher, auch als der Inbegriff des versöhnten Widerspruchs. Der Familienvater aus Speyer hatte permanent und international auf praktische Widersprüche zu den Menschenrechten hingewiesen. Auch persönlich musste er in seinem Leben stets Widersprüche erfahren, die eine Versöhnung mit dem Paradoxon von Theorie und Praxis der Grundgesetzte auch in unserem Lande, schwer machte. Der Autor des TRIGA-Verlags mit seiner Biographie "Wege nach Georgia", scheint auch aktuell seinem Robin-Hood-Lebensweg treu zu bleiben, was zu persönlichen und politisch motivierten Sorgen veranlassen kann. Wenn man seinen Berichten über die aktuellen Erlebnisse mit der Legislative und Judikative unserer Demokratie Glauben schenkt, wird sichtbar, wie es um das politische Bewusstsein in unserer Republik gestellt ist.
Ich kenne ihn flüchtig. Aber unsere Begegnungen waren intensiv, kontrovers, deutlich erinnerbar. Das Charisma des rebellischen Bären, des Felsen in der Brandung, mit Merkmalen eines ehemaligen 68ers, noch ganz die Methoden jener Zeit heran ziehend, um auch heute noch den illusionären Seelenfrieden vieler Bürger zu stören, vergisst man nicht. Und jene, die sich durch die Persönlichkeit, die Taten und bisweilen nur durch den Namen „Michael Heise" daran erinnert fühlen, dass unser System vielleicht doch nicht ganz die Sicherheit, einer Wahrung der Menschenrechte, gewährleistet, - von der doch der Seelenfrieden so abhängig ist - möchte ich an mögliche Widersprüche in ihrem Verhalten erinnern. Ich kann mir nahezu nicht erlauben, zu erwähnen, dass es Kontroverse gab in der Haltung zwischen mir und dem Fels in der Brandung. Denn Kontroverse gibt es nur zwischen gleichwertigen Partnern. Mein Lebensweg ist im Vergleich mit Michael Heises unbedeutend. Auch wenn ich seiner These, Wegschauen ist Mitschuld, gefolgt bin. Oft hatte auch ich mich in einer stillen Weise engagiert, wenn ein Notleidender nicht allein verantwortlich war für seine Not. Der Autodidakt für eine Kompetenz in Rechtsfragen referierte in randvollen Vorlesungen über Menschenrechte und Haftbedingungen an der Uni Berlin und Hannover, u. a. bei Prof. Christoph Nix als er noch dozierte. Er hatte mit Dozenten und Juristen über diese Themen öffentlich diskutiert, Vorträge für die ACLU (american civil rights liberty union) gegen die Todesstrafe gehalten, mit Menschen gewacht bevor sie hingerichtet wurden und Nächte mit Suizidgefährdeten verbracht. Er hatte mit Justizministern und Haftanstaltsleitern für bessere Bedingungen der Häftlinge gerungen, Hunderte von Verfahren in Menschenrechtsfragen vor deutschen Gerichten, vor dem Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg und im US Supremecourt geführt. Ich orientiere mich an dem Zitat, „großer Geist bewahre mich davor, über einen Menschen zu urteilen, ehe ich nicht eine Meile in seinen Mokassins gegangen bin.” Es ist von einem Indianer, wenn auch nicht aus dem Stamm der Hopis, von dem sich M. Heise einen Teil seiner Lebenserfahrung und Aspekte für sein politisches Bewusstsein holte. Ich weiß nicht, wie man sich fühlt, in einem Gefängnis unter persönlichen Machtbedürfnissen des Personals zu leiden, das damit auf der „guten“ Seite steht. Mir ist nicht bekannt, wie es ist, sich mit der Justiz anzulegen, um Humanität im Strafvollzug zu bewirken, oder mit paradoxen Handlungsanweisungen umzugehen, die offenbar aktuell von Michael Heise erwartet werden. In einem seiner Schreiben an die Öffentlichkeit kann man nachlesen, dass man ihm Fahrlässigkeit vorwirft und gleichzeitig daran hindert seinem Bedürfnis nach Verantwortung nachzukommen.
M. Heise, der Sand im Getriebe, erfasste bereits zu einer Zeit, welch komplexes, politisches Bewusstsein sich in der Persönlichkeit Nelson Mandelas verkörperte, als er von Vertretern der deutschen Justiz noch als Verbrecher bezeichnet wurde. Sie wurden unterdessen von Mandela in ihrem Verständnis für Menschenwürde übertroffen. Mit den Erhalt des Nobelpreises hat Mandela sein Potenzial dokumentiert. Müssten sich nicht diejenigen, die ihn einst nur als Kriminellen betrachteten, aktuell eine Frage stellen. Gehört Michael Heise, der sich für die Wahrung der Menschenrechte einsetze, heute tatsächlich in eine Justizvollzugsanstalt? Müssten Vertreter der Rechtsprechung nicht darüber nachdenken, dass sie Menschenrechtsaktivisten mit ihrem unbeugsamen Glaubens, ihren Trotz gegen Repressionen und der Stärke ihrer Persönlichkeit viel zu verdanken haben? Stattdessen scheinen sie ihr Beobachtungsvermögen zu wenig zu schärfen und bleiben zurück in ihrer persönlichen Sichtweise. Sonst hätten sie längst ihre Erkenntnis kundgetan, dass Nelson Mandela schon immer über ein höheres Maß an politischem Bewusstsein verfügt haben muss als sie selbst und sich für ihr damaliges Versäumnis an Anerkennung entschuldigt. Gerade die Tatsache, dass es möglich ist, als verkannter, missachteter und verfolgter Politiker zum Nobelpreisträger zu werden, könnte die Einsicht hervorrufen, dass Querdenker, wie M. Heise, der Verurteilungen für „Bagatelltaten” nicht scheute, in einer Demokratie gebraucht werden, wie die Pioniere von einst Rousseau, Montesquieu, Martin Luther King, Mahatma Ghandi und eben Nelson Mandela, um sich selbst in der behüteten Sicherheit der Grundgesetze baden zu können. Sie waren und sind wichtig, die Felsen in der Brandung der Unterdrückung demokratischer Prinzipien, um in der Vergangenheit Revolutionen und heute Veränderungen im politischen Bewusstsein einzuleiten. Sie wurden und werden selbstverständlich genutzt die Querdenker, die aktuell immer wieder mit dem Zeigefinger auf die wunden Stellen im System zeigen, die auf den Widerspruch zwischen der demokratischen Gesetzesgrundlage und ihrer praktischen Anwendung hinweisen. Selbst wenn man „nur” logisch und nicht politisch denkt, muss man feststellen, dass wir diesen Charakteren viel zu verdanken haben. Es waren nie die Duckmäuser, die Weggucker und die Mitläufer, die dafür sorgten, dass es heute eine Demokratie gibt. Sondern es waren jene, die sich ihrem aktuellen Zeitgeist durch selbstständiges Denken widersetzen. Ein Denken, das in seiner Logik nur zu einem Schluss führen konnte, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, um dem Leben anerkennend gerecht zu werden. Doch scheinen nicht alle der Logik mächtig zu sein. Oder mögen persönliche Bedürfnisse ausschlaggebender sein, als die Fähigkeit, folgerichtig zu erkennen, dass zur Wahrung der Menschenwürde Menschen, wie M. Heise, benötigt werden. Vielleicht sind jene davon überzeugt, dass nur ihr persönliches Verständnis von Judikative, Legislative und Exekutive, die Unantastbarkeit der Menschenwürde sichert, ohne zu merken, dass sie dabei dem Wert von Pluralismus nicht gerecht werden. Oder sie haben einfach nur vergessen, dass es nie die Methoden der Anpassung waren, die ihr heutiges, sattes, demokratisches Nest erbauen ließen. Vielleicht ist ihnen das Verständnis dafür abhanden gekommen, dass die Wahrung der Menschrechte auch sie persönlich betrifft und sie damit zu ihrer Erhaltung verpflichtet sind. Eine typische Eigenschaft für Felsen in vielen Brandungen, die den Angriffen auf ihre Persönlichkeit und auf die Menschenrechte standhalten und damit die Kraft der Unantastbarkeit dokumentieren, ist ihr Wille. Er paart sich mit einer Treue zu sich selbst, zu ihren humanistischen Werten und formt sich zur Eigenwilligkeit. Denn ohne Eigenwillen hätten sie ihre Arbeit nicht tun können. Er zeigte sich bei vielen Pionieren, die für die Verwirklichung humanistischer Werte ihren Tod in Kauf nahmen, oder die Art und Weise und den Zeitpunkt ihres Todes bestimmten. Das scheint auch bei Michael Heise der Fall zu sein. Der bisher so nützliche Eigenwille, der auch in einer Mitbestimmung den eigenen Tod betreffend liegt, macht es jenen schwer, die ihn daran hindern wollen. Da noch nie ein Mensch mindestens eine Meile in den Mokassins eines anderen gegangen ist, könnte auch ich mich zurückziehen, statt zu appellieren. Ich könnte seinen Hungerstreik als eine Folgerichtigkeit von Michael Heises Lebensweg einstufen, dessen Umstände ich nie so detailliert kennen werde, wie er selbst. Das spektakuläre Mittel des Hungerstreiks scheint es leicht zu machen, wegzuschauen und wohlwollend seinen Tod in Kauf zu nehmen. Üblicherweise sind es doch die Vertreter der Judikative und Legislative, die sich einsetzen, eine Tötung zu verhindern, sei es ein Mord oder eine Selbsttötung. Ich appelliere auch, weil gerade M. Heise in seiner Arbeit deutlich gemacht hat, dass es wertvoll ist, an andere zu appellieren. Er hat sich für Menschen in Not engagiert, ohne zu fragen, wie und wer sie sind, weil auch sie es verdient haben, nicht in Not zu sein. Er machte keinen Unterschied darin, ob dieser Mensch ein Häftling, ein sozial Benachteiligter oder ein Ausländer einer nicht anerkannten Minderheit war. Er half, weil es um die Würde des Menschen geht, deren Wert er als demokratisches Prinzip erkannt hat. Darin ist er mein Lehrer, einfach den eignen Werten treu zu bleiben, nicht weg zu schauen, und sich nicht mitschuldig zu machen. Und er ist mein Vorbild dafür, dass Engagement etwas - ja sogar vieles - bewirkt. So, wie es auch M. Heises Brieffreund, Nelson Mandela, bewiesen hat. Deshalb nehme ich mir das Recht, M. Heises Fußstapfen zu folgen, wenn auch in meinen eigenen Mokassins, und bitte um Unterstützung, damit Michael Heise seinen Hungerstreik beendet. Denn bei seiner gesundheitlichen Verfassung ist die Gefahr zu groß, dass dieser zum Tode führt. Dann gäbe es einen dieser Felsen in den Brandungen und dieser Pioniere nicht mehr, denen wir als Nutznießer unseren demokratischen Komfort erst zu verdanken haben. Wir hätten dann einem dieser Idole für politisches Bewusstsein und der ihm zu verdankenden Menschlichkeit nicht den ihm gebührenden Respekt erwiesen. Ein menschliches Bedürfnis, derartige Leistungen zu würdigen, scheint noch immer vorhanden zu sein, wie Nobelpreisverleihungen an Menschenrechtsaktivisten beweisen. Es wird offensichtlich doch noch von manch einem folgerichtig gedacht, dass es gerade immer die Rebellen und die Sandkörner im Getriebe sind, die vor wahlloser Machtanwendung, vor faschistischen Übergriffen und vor einem Mangel an Menschlichkeit schützen. Dem Bedürfnis zu folgen, für ein politisches und soziales Engagement zu danken, ist meine Bitte an Sie. Denn damit ein Danke Michael Heise erreicht, ist es folgerichtig, dass er am Leben sein muss. Also ergreifen wir die Verantwortung füreinander, sorgen für ein öffentliches Interesse an seiner Situation und an den Missbrauch der Rechtsstaatlichkeit, damit Michael Heise seinen Hungerstreik beendet.
Autor / Information
Zur Person Ute-Maria Graupner:
Geb. 1957 in Berlin
Vier Semester Sport- und Germanistik-Studium
Ausbildungen im Körper- und Bewegungsbereich:
Tanzpädagogik, Tanztherapie
Körpertherapien und Berührungstechnik:
nach Wilhelm Reich, der Lehre des Tao, sowie
Autogenes Training
Gesundheitsbildner des BVV
Seit 1987 Seminare Kreativität und Gesundheitsbildung
Seit 1993 Workshops im Ausland mit Methoden des Energiegewinns
Seit 2000 Ehrenamtliche Unterstützung von Beduinen
Seit 2002 Innerbetriebliche Stressbewältigung
Seit 2004 Veröffentlichung von Artikeln und Kurzgeschichten
Siehe auch www.kunst-gesundheit.com
Artikel / Pressemitteilung wurde geschrieben von: Ute-Maria Graupner
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